Ethno‑Musiktherapie

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Geschichte

Die Geschichte des Instituts als musiktherapeutische Ausbildungsstätte

1989 gründete Gerhard Tucek in Zusammenarbeit mit Oruc Güvenc in Wien die „Schule für Altorientalische Musik‑ und Kunsttherapie“.

In den ersten Jahren richteten sich die gemeinsamen Bemühungen nach dem Verständnis eines kulturellen Partikularismus vor allem darauf, die Altorientalische Musiktherapie als Tradition in idealtypischer Autochthonie und größtmöglicher „Unverfälschtheit“ wieder herzustellen.

Schon bald erkannte Tucek die Notwendigkeit, das nur rudimentär überlieferte historische Therapiesystem in ein postmodernes Verständnis von Krankheit und Gesundheit zu übersetzen. Aus diesem Grund orientierte er sich ab 1996 an klinisch‑empirischer (& pädagogischer) Beobachtung & wissenschaftlicher Vertiefung. Dieser Prozess gründete in der Überzeugung, dass einander (Therapie)Kulturen durch permanente wechselseitige Durchdringung befruchten. Eine solche Position stellt ein unveränderbares Traditionsverständnis radikal in Frage.

Dieser veränderte Zugang zur therapeutischen Lehre und Praxis veranlasste Gerhard Tucek 1999 zur Gründung des Instituts für Ethno‑Musiktherapie.

Zwischen 1999–2008 führte er die Ethno‑Musiktherapie an jene Standards heran, die eine Anerkennung durch das in Österreich in Entstehung begriffene Musiktherapiegesetz möglich machten. Das 93. Bundesgesetz über die berufsmäßige Ausübung der Musiktherapie schreibt u.a. vor, dass eine musiktherapeutische Ausbildung in Österreich im hochschulischen Rahmen durchzuführen ist.

Seit 2009 wird an der IMC Fachhochschule Krems ein auf musiktherapeutischen, kultur‑ & sozialanthropologischen, psychologischen und medizinischen Erkenntnissen fußendes Therapiekonzept vermittelt.

Die Ausbildung erfolgt zweistufig: Ein Bachelorstudiengang vermittelt die Grundlagen zur mitverantwortlichen Ausübung der Musiktherapie. Der 2012 eingerichtete Masterstudiengang berechtigt nach erfolgreichem Abschluss zur eigenverantwortlichen Ausübung der Musiktherapie.

Historische Ausgangslage und Vorgeschichte

Die Musiktherapie im vorderen Orient ist ein seit ca. 1000 Jahren dokumentiertes System mit – aus heutiger Sicht – therapeutischer, prophylaktischer und rehabilitativer Bedeutung. Ihre Wurzeln gründen in der antiken griechischen Lehre vom „Ethos“ in der Musik. Diese ging davon aus, dass von der Musik selbst eine „unmittelbare und reinigende Wirkung“ auf Seele, Affekte und Charakter des Menschen ausgehe.

Im Vorderen Orient wurde dieser – bei Platon, Aristoteles und den späteren Neuplatonikern – noch wenig konkretisierte „musiktherapeutische“ Gedanke aufgegriffen, und praktisch weiter ausdifferenziert. Aus heutiger Sicht ist auch Augustinus als philosophisch, religiös‑geistiges und kulturelles Bindeglied zwischen Orient und Okzident zu nennen.

Im Orient entwickelte sich ein neues Tonsystem – das „Makamsystem“. Islamische Gelehrte wie etwa Al‑Kindi, Al‑Farabi, Al‑Rhasi, Avicenna, u.a. verknüpften die Anwendung dieses Musiksystems sowohl mit der Vorstellung eines engen Wechselspiels zwischen seelischen und körperlichen Prozessen, als auch mit dem Konzept der Humoralpathologie – der 4‑Säfte‑Lehre. Nunmehr wurden [...] bestimmte Melodientypen, Rhythmen und sogar die vier Saiten der Laute mit bestimmten Körpersäften, Affekten, Primärqualitäten, Kardinaltugenden, Jahres‑ & Tageszeiten, Gestirnkonstellationen usw. in direkte Beziehung gesetzt und in vielfältigen Verknüpfungen zu ganzen Systemen zusammengefügt. (zit. aus: Kümmel 1977, S.151)

Auf diesen Grundlagen stand Musiktherapie ab dem 9. Jh in den Spitälern des vorderen Orients im Rang einer regulären medizinischen Hilfsdisziplin. Musik als hörbare musikalische Umsetzung des kosmischen Klanges, nährte sowohl die „Geistseele“ wie auch den „materiellen Leib“.
Ganz im Sinne einer „Affektenlehre“ entfaltete sie beim Hörer sowohl im „Vorderen Orient“ wie auch im Okzident ihre emotionalisierende Wirkung durch die jeweils geläufigen Musikstile, Melodien und Gattungen.
Mit dem konzeptionellen Wandel der Medizin von der Humoralpathologie zur Biomedizin geriet das historische Konzept der Musiktherapie im Orient in Vergessenheit.

In den 1980‑iger Jahren griff in der Türkei der Psychologe, Musiker und Sufilehrer Oruc Güvenc dieses alte musiktherapeutische Lehrsystem erstmals wieder praktisch auf. Gemeinsam mit Gerhard Tucek unternahm er ab 1986 auch in Europa in Form von Kursen erste Schritte zu einer praktischen Wiederbelebung. Seit der Gründung des Instituts für Ethno-Musiktherapie im Jahr 1999 haben sich die musiktherapeutischen Konzepte und Ausbildungen von Güvenc und Tucek unterschiedlich weiterentwickelt.

Weiterführende Literatur zum historischen Konzept

Kümmel, Werner F. (1977): Musik und Medizin – Ihre Wechselbeziehung in Theorie und Praxis von 800 bis 1800. Freiburg: Verlag Karl Alber.

Pfrogner, H. (1981 ): Lebendige Tonwelt. Zum Phänomen Musik. 2. Auflage; Verlag Langen‑Mueller, München. .

Neubauer, Eckehard (1990): Arabische Anleitungen zur Musiktherapie. [= Sonderdruck der Zeitschrift für Geschichte der arabisch‑islamischen Wissenschaften, Band 6]. Institut für Geschichte der Arabisch‑Islamischen Wissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt.