Ethno‑Musiktherapie

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Konzept Ethno‑Musiktherapie

Therapeutische Kernelemente: Regulation & Beziehung im Kontext aktiver & rezeptiver Musiktherapie

Das Vegetativum des gesunden Menschen vermag auf äußere Umweltreize und innere Impulse dynamisch und flexibel zu reagieren. Aus regulationsmedizinischer Sicht bedürfen organische Systeme beständiger rhythmischer Ordnungsgeber. Diese bestehen aus exogenen Zeitgebern (Licht, Tag/Nacht, etc.) endogenen Prozessen (innere Uhr) sowie aus äußeren Sinnesreizen und innerpsychischen Prozessen (z.B. Emotionen).

Im Sinne regulationsmedizinischen Denkens ist Krankheit Ausdruck der Störung dieser Periodizitäten. Jeder psychische Zustand widerspiegelt sich als physiologisches Korrelat auch im „Autonomen Nervensystem“. So zeigen Patienten reduzierte, starre und konfuse biologische Rhythmen (Beispielsweise leiden viele erkrankte Menschen unter Schlafstörungen). Der therapeutische Fokus der Ethno-Musiktherapie liegt daher weniger auf der Kausalbehandlung von Pathologien, als in der aktivierenden oder regenerierenden Einflussnahme auf diese autonomen Regelkreise. Hierfür bedient sich die Musiktherapie musikalischer Bausteine (Klang, Tempo, Melodie, Dynamik und Rhythmus) sowie einer therapeutischen Beziehung, die sich an der Wahl des richtigen Therapiezeitpunktes (anhand der vegetativen Gestimmtheit des Patienten) orientiert.

Das Institut für Ethno Musiktherapie hat anhand der in Österreich gesammelten Praxiserfahrungen neben der regulationsmedizinischen Perspektive auch ein beziehungsmedizinisches Modell entwickelt, das in Teilaspekten durchaus mit psychotherapeutischen Modellen in Einklang zu bringen ist.

Hierzu einige Gedankensplitter: In der aktiven Anwendungsform der Ethno Musiktherapie wird Musik ganz im Sinne von David Aldridge zum idealen [...] Medium, um zu entdecken, wie die Menschen komponiert sind, wie jeder als Ganzes in der Welt ist, bereit, schöpferisch und erhaltend tätig zu sein.

Der therapeutische Effekt der „Rezeptiven Musiktherapie“ beruht im Sinne oben besprochenen „regulationsmedizinischen“ Denkens darauf, dass dem Patienten in geschützter therapeutischer Atmosphäre eine Abfolge von (komponierten bzw. improvisierten) Klangfolgen bzw. Melodien zu Gehör gebracht werden. Diese können sowohl ausgewähltes Makam Repertoire umfassen, wie auch westliches Liedgut und Musikrepertoire.

Konzeptionell legen die aktiven und rezeptiven Anwendungsformen der Ethno Musiktherapie ihren Schwerpunkt auf einen primär „nicht konfliktorientierten“ Behandlungsplan, der – ähnlich den Ideen von Allostase in der Psychosomatik – auf dem Prinzip des körperlichen und seelischen Ausgleichs beruht.

Gerhard Tucek versucht beständig einem möglichen Missverständnis in Bezug auf diese therapeutische Grundeinstellung entgegenzuwirken: „Nicht konfliktorientiert“ bedeutet keineswegs den Ausdruck schmerzhafter Gefühle zu vermeiden bzw. (emotional und musikalisch) spannungsvolle Sequenzen zuzudecken. Vielmehr geht es darum, dem Patienten das Bedürfnis hinter dem Schmerz oder der Aggression zugänglich zu machen. Ist das unerfüllte Bedürfnis erst einmal erkannt, gilt es dieses als Bitte, und nicht als Vorwurf oder Forderung zu formulieren. Auf diese Weise wird es dem Gegenüber möglich, auf das Bedürfnis aus freien Stücken einzugehen, weil es das Leben des Bittenden bereichern möchte.

Ein derart handelnder Therapeut begegnet dem Patienten auf der Ebene von Mitgefühl und Anteilnahme, und nicht als „Experte für die Behandlung von Pathologien“. Ethno Musiktherapie will keineswegs vorhandene Pathologien verharmlosen. Allerdings erscheint in vielen klinischen Kontexten die Erweiterung „pathogenen“ Denkens durch salutogenetisch inspirierte Sichtweisen sinnvoll. Dies verlangt vom Ethno- Musiktherapeuten beide Denkweisen zu beherrschen.

Dieser Gedanke soll kurz vertieft werden: Ein Patient, der in der Rehabilitation nach Schlaganfall oder Unfall in leistungsfördernden und fordernden Therapien geringe bis keine Bereitschaft zeigt, sich am Rehabilitationsprogramm zu beteiligen, wird nicht selten als „depressiv“ oder „nicht compliant“ eingestuft.

Nur wenige Personen des therapeutischen Personals sind in der Lage, sich in die Verzweiflung dieses Menschen einzufühlen, dessen Leben(splanung) von einem Tag auf den Anderen völlig verändert wurde. Hier greift eine bloße Behandlung tatsächlich vorhandener Pathologien (wie etwa die Schlaganfallsymptome oder eine Depression) zu kurz. Es bedarf vielmehr der Einfühlung in die tiefgreifende Erschütterung, den dieser Schicksalsschlag für den Patienten und sein soziales Umfeld bedeutet. Erst eine vom salutogenetischen Denken geprägte Beziehung wird den Patienten in die Lage versetzen, verbliebene Möglichkeiten zu ergründen und neue Perspektiven aufzubauen.

Das Konzept der Ethno Musiktherapie folgt demnach nicht der Vorstellung, dass bloßes (symbolisches) Ausdrücken bzw. Ausleben von Wut und Aggression einen nachhaltigen therapeutischen Effekt hat. Wir sind der Auffassung, dass hinter schmerzhaften Gefühlen wie Trauer und Wut zumeist ein Bedürfnis nach Verbundenheit, Angenommen-Sein sowie nach eigenständiger Gestaltungsmöglichkeit oder Autonomie steht. In diesem Sinne geht es nicht um Abgrenzung gegenüber anderen Menschen, sondern um das Ergründen befriedigender Wege, um mit anderen Menschen in Verbindung treten zu können.

Das Konzept der Ethno Musiktherapie sieht sich hier eng mit den Ideen der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Rosenberg sowie der „klientenzentrierten Psychotherapie“ nach Rogers verbunden. Die dort formulierten Gedanken, dass Menschen dieselben Bedürfnisse teilen führt dazu, diese nicht als Schwäche, sondern als legitimen Ausdruck von Leben zu verstehen. Lediglich die gewählten Strategien der Bedürfniserfüllung sind dem Leben mehr oder weniger dienlich.

Hierbei wird gleichermaßen auf das historische Konzept Bezug genommen, das physiologische und seelische „Defizite“ oder „Überschüsse“ (körperliche Stressreaktionen, psychische Mangelgefühle, Spannungen) mittels vegetativer Harmonisierung und mentaler Stärkung zu bearbeiten sucht. Eine in diesem Zusammenhang therapeutisch überaus wertvolle Fragestellung lautet, wie der Therapeut das Leben des Patienten zu bereichern vermag. Der Therapeut wird im Zuge seiner Ausbildung in der Entwicklung dieser Haltung geschult.

Auch Grundideen der „Bindungsforschung“ haben Eingang in das Konzept der Ethno Musiktherapie gefunden. Beispielsweise zielt die situations und personenadäquate Vermittlung von Zutrauen, Sicherheit und Geborgenheit auf die Befriedigung von drei psychischen Grundbedürfnissen im Menschen ab: 1. Bindung im Sinne der Befähigung, enge zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen 2. Kompetenz durch die Erfahrung von effektiver Interaktion mit der Umwelt 3. Autonomie durch die freie Bestimmung des eigenen Handelns, Gestaltens und seiner Verbundenheit

Der Therapeut nimmt im therapeutischen Dialog die Haltung eines Fragenden ein und versucht zu ergründen, welche (Be )Deutungen der Patient findet. Diese werden dann in Beziehung zu den eigenen Wahrnehmungen, Gefühlen und (Be )Deutungen gesetzt und mitgeteilt. Letztlich zielt die Ethno Musiktherapie auf die Förderung einer Ausgewogenheit zwischen äußerer Lebenswelt und psychischen und transzendenten Innenwelten durch direktes Erleben von Sicherheit, Verbundenheit, Freude und Harmonie. Der sich hierdurch ergebende Erkenntnisprozess ist seinem Wesen nach offen und zieht keine scharfen Trennlinien zwischen physischen, psychischen und transzendenten Seinsdimensionen.

Ein wesentlicher Schlüssel zum Therapieerfolg liegt darin, das Potential und die Grenzen der jeweiligen Interventionstechniken realistisch einzuschätzen, und an die Bedürfnisse des Patienten sowie die Erfordernisse des laufenden Therapieprozesses anzupassen. Hierfür ist die Persönlichkeit und Reife des Therapeuten ein entscheidender Wirkfaktor. Im Sinne eines „ressourcenorientierten und egalitären“ Therapieverständnisses hat der Therapeut im Verlauf seiner eigenen Ausbildung den konstruktiven Umgang mit eigenen Möglichkeiten, biografischen Brüchen und Grenzen erfahren. Dabei hat er gelernt, Pathologien und bisweilen krankheitswertige Verhaltensweisen in wertschätzender Haltung zu begegnen, und das dahinter verborgen liegende Entwicklungspotential zu erkennen und zu fördern.

Die Verinnerlichung dieses Denkens ist ein wichtiges Ziel der Therapieausbildung an der IMC Fachhochschule Krems. Hier lassen sich Anknüpfungspunkte zum Konzept der „Positiven Psychotherapie“ herstellen.

Das therapeutische Handeln des Ethno‑Musiktherapeuten gründet auf einem egalitären Menschenbild, da – neben der zuvor angesprochenen psycho‑sozialen Perspektiven – auch auf der Ebene vegetativer und sozialer Regelkreise für alle am therapeutischen Prozess beteiligten Personen die selben (neurologischen und vegetativen) Grundprinzipien gelten.

Durch eine wertschätzende Grundhaltung und einfühlsame Ausgestaltung des therapeutischen Rahmens vermittelt der Therapeut strukturelle Sicherheit sowie menschliche Geborgenheit.
Therapeutisch angewendete Musik erfährt erst innerhalb eines solchen Rahmens sowie durch die menschlich‑ musikalische Begegnung (interaktiv oder aber auch im Sinne rezeptiven Musikhörens) ihren konkreten Bedeutungsgehalt.
Die klinische Praxis lehrte uns dabei die vorhandene Stimmung des Patienten zunächst musikalisch aufzugreifen und behutsam zu verwandeln.

In diesem Sinne dient Musik hier der Rekreation des Gemüts, was nicht bloß Erholung meint, sondern eine Hinwendung zu ihrem Innersten. Auf dieser Grundlage schafft Musik eine natürliche Basis für die Wiederherstellung des „ganzen Menschen“, auch wenn er im medizinischen Sinne als „krank“ oder „behindert“ gilt.

Menschenbild, Behandlungsziele

Weithin gelten Musik, Tanz, bildende Kunst, Poesie und Theater als Synonyme für Ordnung, Spannung und Entspannung, Konflikt und Katharsis, Schönheit und Freude.
Ihre therapeutische Wirkungen entfalteten die Künste im Rahmen einer therapeutischen Beziehung.

Heute gründet sich die Ethno‑Musiktherapie auf einem bio‑psycho‑sozialen Modell von Krankheit und Gesundheit, das sich dem Menschen in seiner physisch‑ seelisch‑ geistigen und sozialen Befindlichkeit zu nähern versucht.

Im Hinblick auf seine Genesung bzw. körperliche und seelische Stabilität sind gleichermaßen biologische Faktoren (organmedizinische Gesichtspunkte, biomedizinische Daten), psychologische Aspekte (persönliches Erleben, Verhalten, Lebensstil) und soziale Faktoren (familiäre, berufliche, umweltbezogene Lebensbedingungen) relevant.

Dies erfordert eine realistische Einschätzung des therapeutischen Potentials von Musik in unterschiedlichen sozialen und therapeutischen Kontexten.
Angesichts der Komplexität menschlichen Lebens mit seinen vielfältigen Bedürfnissen nach körperlicher und seelischer Gesundheit, Familie, Partnerschaft, Sexualität, Beruf und finanzieller Absicherung, Wohn‑ und räumlicher Lebenssituation, Freundschaften, Hobbys, Interessen und Wertbindungen, scheinen überzogene Heilserwartungen an musikalisches Rezipieren bzw. musikalisches Tun unangebracht.

Musik vermag menschliches Leben auf vielfache Weise zu bereichern.
Sie kann Menschen durch das Lauschen eines Musikstückes gleichermaßen entspannen, aber auch in die Erfahrung innerer Bewegtheit, Rührung und Anteilnahme bringen, oder im gemeinsamen Zusammenspiel die Qualität harmonischen Miteinander‑Seins eröffnen.
In diesem Sinne ist Musik (angelehnt an Simon Rattle) ... nicht, was sie ist, sondern das, was sie dem Menschen bedeutet.

Musik ist aber angesichts der zuvor aufgezählten komplexen Lebenszusammenhänge nicht in der Lage, monokausal Krankheiten auf magische Weise hinwegzuspielen.

So unterschiedlich klinische Krankheitsbilder in ihren vielfältigen Erscheinungsformen auch sein mögen, weisen sie doch zwei Gemeinsamkeiten auf:

  1. Patienten stehen unter erhöhtem Stress, der unter anderem aus der Belastung durch die Grunderkrankung, die Ungewissheit hinsichtlich des Krankheits‑ bzw. Genesungsverlaufes sowie die ungewohnten und vielfach ängstigenden Rahmenbedingungen eines Klinikaufenthalts herrührt. Dank rezenter Erkenntnisse aus der Molekularbiologie wissen wir, dass die Selbstheilungskräfte des Menschen erst im Vagotonus – also Entspannungszustand – voll zur Entfaltung gelangen können.

    Daher ist es ein zentrales Therapieziel der Ethno‑Musiktherapie, den Patienten in einen solchen vagotonen Zustand überzuführen.

  2. Eine weitere „anthropologische Gemeinsamkeit“ liegt in dem menschlichen Grundbedürfnis nach Transzendenz und „Spiritualität“.

    Gerade in lebensbedrohlichen Situationen drängen bei Patienten und deren Angehörigen vielfach Sinn‑ und Wertfragen ebenso ins Bewusstsein, wie die Sehnsucht nach Transzendenz der eigenen physischen Existenz.

    Mit anderen Worten: Fühle ich mich mit dem Leben (wie ich es führe) verbunden, von den Menschen die darin eine Rolle spielen verstanden sowie von einer „höheren Instanz“ getragen?

Über eine vertrauensvolle – an den vorhandenen Ressourcen und Potenzialen des Patienten ansetzende – Beziehung wird der Aspekt des „sich Verbunden‑Fühlen‑Könnens“ therapeutisch ebenso bearbeitet, wie die Frage einer Stressregulation.