Ethno‑Musiktherapie

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Forschung

Übersicht

Klinische Forschung

Die Forschungsaktivitäten des Instituts wurden an die IMC Fachhochschule Krems transferiert. Dort wurde der Schwerpunkt der Stress‑ & Regulationsforschung etabliert.

Ein weiterer – medizinanthropologischer – Aspekt befindet sich im Aufbau.

Sozialwissenschaftliche Forschung

Der (therapie)kulturelle Transfer der in historischen Texten rudimentär erhaltenen Musiktherapie des Orients aus der Türkei nach Österreich wurde zwischen 1989–2009 erfolgreich vollzogen. Dieser Prozess wurde aus der Perspektive der Kultur‑ & Sozialanthropologie wissenschaftlich begleitet.

Grundthemen eines kulturellen Transfers therapeutischer Konzepte aus Sicht der Kultur‑ & Sozialanthropologie

Der Transfer von therapeutischen Techniken über zeitliche‑ & kulturelle Räume hinweg stellt die handelnden Personen und die von ihnen vertretenen Institutionen vor Herausforderungen, die nachfolgend kurz angerissen werden:

Erste grundsätzliche Fragen an das therapeutische Konzept betreffen die Theorien von Gesundheit und Krankheit, die therapeutischen Wirkkonzepte sowie das zugrundeliegende Menschenbild.

Danach ist unter Bezugnahme auf die geltende Gesetzeslage zu klären, inwieweit und in welchem Umfang sich das therapeutische Konzept in das artverwandte Berufsfeld im Gesundheitssystem integrieren lässt. Da traditionelle Therapiekonzepte häufig an ein religiös‑ spirituelles Verständnis gebunden sind, entziehen sie sich in ihren Wirktheorien oft einem modernen wissenschaftlichen Zugriff – was keine Rückschlüsse auf die therapeutische Wirksamkeit zulässt.

Aus diesem Grund bedürfen kulturelle Transferprozesse einer Übersetzungstätigkeit zwischen den (therapie)kulturellen Welten. Diese kann nur von Personen geleistet werden, die in beiden Konzepten beheimatet sind. In diesem Sinne ist der kulturelle Transfer traditioneller Konzepte in der Frühphase nicht vom Charisma und der Glaubwürdigkeit der handelnden Personen zu trennen.

Grundlegende Zugänge zu Fragen von Kultur und Tradition

Ein essentialistisches Denkkonzept postuliert in sich geschlossene – und daher von einander klar unterschiedene – Kulturen. Sein Ziel ist die Wiederherstellung einer Tradition in idealtypischer Autochthonie und vollkommener Unverfälschtheit. Der handlungsleitende Gedanke einer derartigen Weltsicht lautet: Das Beste liegt hinter uns, und soll nun wiederhergestellt werden.

Dem gegenüber stehen Denkkonzepte der Hybridisierung bzw. Kreolisierung. Deren Ziele sind weder die Unverfälschtheit einer Position, noch die willkürliche Vermischung unterschiedlicher Positionen. Vielmehr geht es um einen von den Beteiligten auszuhandelnden „dritten Raum“ wie ihn etwa Homi Bhabha beschreibt. Hybridisierung bedeutet für ihn die [...] strategische und selektive Aneignung von Bedeutungen, Raum schaffen für Handelnde, deren Freiheit und Gleichheit gefährdet sind. (Bhabha 2000)

In Kontexten hybridisierter oder kreolisierter Kulturbegegnung kommen gleichermaßen historische wie moderne Elemente zur Anwendung. Dabei werden Bedeutungen strategisch konstruiert und selektiv angeeignet. Das innere Bild einer derartigen kulturellen Begegnung lautet: Das Beste liegt vor uns

Von der Altorientalischen- zur Ethno-Musiktherapie

Im Transferprozess der Altorientalischen Musiktherapie zur Ethno‑Musiktherapie und deren Weiterentwicklung zum Kremser Studienkonzept, lassen sich drei Phasen mit sich verändernden Zielsetzungen rekonstruieren.

  1. 1970–2011 (Güvenç): Der Versuch einer Re‑Etablierung der Musiktherapie des Orients in der Türkei nach etwa 100 Jahren Absenz.
  2. 1986–1996 (Güvenç / Tucek): Erste Schritte zur Etablierung dieser Musiktherapie in Österreich als „Tradition“ in Verbindung mit islamischer Mystik.
  3. 1996–2009 (Tucek): Etablierung dieser Musiktherapie in Österreich durch ihre Adaptierung an hiesige Standards in Therapie und Lehre vor dem Hintergrund einer sich konkret abzeichnenden Gesetzeslage.

Die wesentlichsten Prozessströme zusammenfassend

Altorientalische Musiktherapie musste – da sie für sich transkulturelle Relevanz beanspruchen wollte – mittels unterschiedlicher Forschungsansätze im hiesigen klinischen Kontexten schlüssig überprüf‑ und nachvollziehbar werden. Dieser Weg wurde ab 1999 mit Gründung des Instituts für Ethno‑Musiktherapie in Lehre, Praxis und Forschung konsequent verfolgt.

Jedes therapeutische Konzept ist Ausdruck jeweils gültiger kultureller, sozialer, institutioneller und individueller Werte, in denen es zur Anwendung kommt. Dabei fließen moderne Erkenntnisse ebenso ein, wie historische Ideen. Heute wissen wir etwa, dass das menschliche Gehirn nicht nur genetisch determiniert ist, sondern in gewissem Sinne auch ein „sozio‑kulturelles Organ“. Demzufolge spielen kulturell und individuell geprägte Ideale und Vorstellungsbilder bei der Produktion und Rezeption von Musik eine wichtige Rolle. Historische Wirkzuschreibungen orientalischer Modi konnten im Sinne obiger Überlegungen nicht direkt auf europäische Therapeuten und Patienten übertragen werden.

Im Falle eines kulturellen und zeitlichen Transfers, bedarf es einer Adaptation an die neuen (therapie‑)kulturellen sowie gesetzlichen Rahmenbedingungen. Hierfür waren im Falle der Ethno‑Musiktherapie neben der klinischen Forschung vor allem Perspektiven der Kultur‑ & Sozialanthropologie richtungsweisend. Ähnlich wie der Wiener Ethnologe Manfred Kremser, entwickelte Tucek Perspektiven einer differenzierten Bezugnahme auf „universelle“ (z.B. Musik als Teil menschlich‑ kulturellen Erbes) sowie „partikulare“ (z.B. kulturspezifische Hör‑ und Wahrnehmungsgewohnheiten) Anteile des Menschen. Beispielsweise wissen wir heute aus der Musikwirkungsforschung, dass die biologische (neurologische und vegetative) Rezeption und Verarbeitung musikalischer Elemente (Rhythmus, Melodie, etc.) in allen Kulturen gleichartig abläuft. Die kontextgebundenen Bedeutungszuschreibungen und Assoziationen zur jeweiligen Musiken sind jedoch kulturell sowie biografisch unterschiedlich.

Dies bedeutete für die Ethno‑Musiktherapie, dass sich die praktische Umsetzung gemeinsamer therapeutischen Grundprinzipien zwischen den Kulturräumen der Vorderen Orients und Mitteleuropas unterscheiden. Das Wesen der Ethno‑Musiktherapie liegt somit nicht per se im Makam‑Phänomen, sondern in dem ihm zugrundeliegenden Regulationsgedanken psychischer und vegetativer Prozesse.

Das Ziel einer (2008 tatsächlich erfolgten) gesetzlichen Verankerung der Ethno‑Musiktherapie vor Augen habend, emanzipierte sich Tucek im Sinne eines hybridisierenden Kulturverständnisses von der früheren (essentialistischen) Orientierung an „Tradition“ und den damit verbundenen emotions‑ & organspezifischen Zuordnungen des Makam‑Systems. Auf diese Weise wandelte sich die Schulbezeichnung von „Altorientalisch“ zu „Ethno‑Musiktherapie“.

Als Tucek beauftragt wurde an der IMC Fachhochschule Krems eine musiktherapeutische Ausbildung auf wissenschaftlicher Grundlage aufzubauen, wurde das ethno‑musiktherapeutische Konzept zum „Kremser Modell“ der Musiktherapie weiterentwickelt. Letzteres versteht sich nicht als musiktherapeutische Schule im engeren Sinn, sondern als praxis‑ und wissenschaftsgeleiteter Ausbildungsweg für Musiktherapie, der u.a. auch in kultur‑ & sozialanthropologischen Perspektiven gründet.

Weiterführende Literatur zum kulturellen Transfer

Tucek, G. 2011: Kulturanthropologische Überlegungen zur Ethno‑Musiktherapie in Österreich. in: MuG Musik und Gesundsein 19/2011. S 21‑27 Reichert Verlag Kümmel, Werner F. (1977): Musik und Medizin – Ihre Wechselbeziehung in Theorie und Praxis von 800 bis 1800. Freiburg: Verlag Karl Alber.

Tucek, G., Ferstl, E. & Fritz, F. M. 2009: A study of synchronization behaviour in a group of test persons during Baksy and Dhikr exercises via psycho‑physiological monitoring. In: Music that works. Hrsg. R. Haas, V. Brandes, S. 267–294 Springer Wien New York

Tucek, Gerhard 2007: Ausgewählte Aspekte des Kulturtransfers. Ethno‑Musik‑Therapie im Wandel, in: Die Maske. Zeitschrift für Kultur‑ und Sozialanthropologie Nr.1, Juni 2007 S.39–42